Schwanger reisen im Campervan

07/02/2020 | Familienwelten | 2 Kommentare

Schwangere Frauen müssen für ihren Körper Sorge tragen, indem sie nicht untätig bleiben und nicht zu wenig essen. Ihr Gemüt aber sollen sie von Sorgen frei halten, denn das werdende Kind nimmt vieles von der es tragenden Mutter an, wie die Pflanzen von dem Erdreich, in dem sie wurzeln.

Aristoteles

 

In den letzten Tagen ging es mir nicht sehr gut. Viele fragten mich, ob ich unter diesen Umständen nicht lieber „Zuhause“ wäre. Nein, sage ich, denn ich bin ja in meinem Zuhause. Sicherlich habe ich mit den ein oder anderen Einschränkungen zu kämpfen, wie jede schwangere Frau. Und da diese in den letzten Tagen stark zugenommen haben, denke ich, ist es an der Zeit von meinen persönlichen Erfahrungen des schwanger reisen und vom Leben als runde Murmel auf engstem Raum zu berichten.

Keine Schwangerschaft  ist wie die andere

Ich muss es schon zugeben, ich empfinde diese zweite Schwangerschaft als empörend einschränkend, denn ganz anders als bei Alva, wo ich noch eine Woche vor Entbindung den höchsten Berg besteigen wollte, bin ich nun eine wahre „Couch Potato“ geworden und das sogar im Van. Nicht das ich mich nicht bewegen wollte, ich kann es schlichtweg oftmals nicht. Ich bin kurzatmig, schnell aus der Puste, erschöpft ohne Ende und habe Schmerzen beim Gehen.  Ganz typische Schwangerschaftsbeschwerden also, aber für mich gänzlich neu.

Nichtsdestotrotz habe ich es wunderbar geschafft, all diese Wehwehchen zu ignorieren und bin hier hin und dorthin gehopst,  auf Bob hoch und runter geklettert und habe Alva fröhlich durch die Lüfte gewirbelt, um mich danach sogleich mit Schmerzen hinzulegen.

Die letzten Tage allerdings haben mich eines Besseren belehrt. Mein Körper schrie mich förmlich an: „Melli, du bist doch schwanger! Was machst du da??“

Tatsächlich, ich bin ja schwanger

So seltsam es klingen mag, ich bin mir dessen bisher nur so halb bewusst gewesen. Klar weiß ich zwar, dass in mir ein kleines Kerlchen heranwächst und ich gebe mir auch größte Mühe, mich ab und zu auf ihn zu besinnen, trotzdem ist es unwirklich für mich und meist nicht präsent in meinem Kopf. Ich gehöre wohl nicht zu den Schwangeren, die diesen Zustand zelebrieren und dem Ungeborenen die Aufmerksamkeit zugestehen, dass es verdient hätte.

Auch bin ich durch meine Umgebung täglich sehr eingenommen. Bob, unser neues Zuhause mit all seinen liebenswürdigen Macken und größeren Problemen, der Reiseblog samt fehlender Internetverbindung, die wechselnden Landschaften und Umgebungen, mein liebenswürdiger Mann und mein wildes, kleines Mädchen. Alltägliche Dinge gewinnen an Bedeutung und deren Planung nimmt viel Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch. Fragen wie: Wo gibt es den nächsten Supermarkt? Was koche ich zum Mittagessen? Wo wollen wir heute schlafen? Wann und wo können wir Wasser auffüllen? Wo wasche ich meine Haare? Muss ich sie denn schon waschen?? Gibt es Internet? All diese Gedanken bevölkern mein Hirn.

Es passiert häufig, dass ich erschrocken beim Gehen innehalte, wenn ich diese runde Frau am Schaufenster vorbeiwatscheln sah. Wer ist das? Ich? Wirklich?? Seit wir in unserem Bus  leben, schaue ich kaum noch in den Spiegel. Es gibt ihn zwar, hinter meiner Schranktür, jedoch hängen die schweren Obst- und Gemüsebeutel davor und mich selbst zu betrachten war mir die Mühe sie wegzuhängen, meist nicht wert. Ist vielleicht auch besser so. Reisen und Leben im Bus ist eine hervorragende Therapie gegen Eitelkeit, nur um das einmal erwähnt zu haben. Aber umso erschrockener bin ich dann, wenn ich mich bei den seltenen Gelegenheiten in Gänze bewundern darf.

Aber natürlich haben wir den kleinen Knirps nicht voll ausgeblendet. Zumindest nicht immer.

Abends, wenn Wallo und ich dann in unserem kuscheligen Bett lagen und die kleine Nachtlampe gemütliches Licht verstrahlte, dann haben wir uns diesem kleinen Energie-Räuberchen in mir gewidmet. Er wurde geölt und befühlt, zumindest ganze 5 Minuten lang, alle paar Tage.

Doch zurück zum Jetztzustand

Die letzten Tage haben mich, wie gesagt, eines Besseren belehrt. Rasende Kopfschmerzen, ziehende Schmerzen im Unterleib, Druck auf dem Schambein und bleierne Müdigkeit, haben mich außer Gefecht gesetzt.  Mein Gehirn funktionierte nicht mehr, meine Gedanken waren eine breiige, undefinierbare, pampige Masse. Die Vorstellung zu Schreiben und Sätze zu formen war schier unvorstellbar. Ich lag richtig flach, ich konnte nicht mal lesen. Stattdessen lag ich da und streichelte unverhofft hingebungsvoll meinen runden, harten Bauch.

Aber dabei macht der Fakt, dass wir reisen keinen Unterschied. Ob in einer Wohnung oder im Bus, das Unwohlsein ist und bleibt gleich. Und unser Bus ist mein Zuhause. Hier ist meine Zuflucht, mein Wohlfühlort und das habe ich gerade in diesen Tagen deutlicher denn je gespürt. Nicht einmal kam mir der Gedanke, lieber woanders, als hier in unserem Bob sein zu wollen. Ganz im Gegenteil, es hat mich beruhigt hier zu sein. Wallo und Alva waren die ganze Zeit um mich und genau das brauchte ich. Ich muss gestehen, ich bin unglaublich schlecht darin, allein zu sein, wenn es mir nicht gut geht. Ich bin weinerlich und anhänglich und so war ich sehr dankbar, dass die beiden immer um mich waren. Und wäre dem nicht so gewesen, dann hätten sie etwas unternommen und ich hätte meine Ruhe gehabt.

Seit heute geht es mir Gott sei Dank wieder besser. Der Kopfschmerz ist verflogen, die Beschwerden beim Laufen sind ebenfalls weniger geworden. Ich kann wieder klar denken, lachen, spielen und meine Umwelt wahr nehmen. Ich bin nun in der 32. Schwangerschaftswoche und die Einschränkungen des Schwangerseins auf Reisen, sorgen wieder für Lacher, statt für Sorgen.

Festgeklemmt und totgelacht

So kann ich nun offiziell bekannt geben, dass es für mich nicht mehr möglich ist, mich im Stehen betrachtend zu rasieren. Ich sehe meinen Nabel,  dann nur noch ein Rest Fuß. Ich gehe nach Gefühl und gebe mein Bestes, mich in unserem unglaublich winzigen Bad so zu verformen, dass an besagte Stellen ein Rankommen ist. Gar nicht so leicht, denn unser „Badezimmer“ ist großzügig gerechnet 1m² groß und in ihm wohnen ein kleines Waschbecken, unsere Trockentrenntoilette, ein Wandschränkchen, Handtücher, 3 Klorollen, Seifenhalter und der Kasten mit Kleintierstreu. In der Mitte stehe dann ich, krumm und schief verbogen, versucht überall ranzukommen und gleichzeitig den Duschstrahl weder auf die Tür vor mir, noch auf die Toilette schräg hinter mir zu lenken (ihr dürft nicht vergessen, es handelt sich ja um eine TROCKEN-Trenn-Toilette). Ach ja, es gilt dabei natürlich auch möglichst wenig Wasser zu verschwenden.

Der beste Teil ist jedoch das Rein- und Rauskommen aus dem Bad, zumindest freut sich Wallo immer wieder aufs Neue über diesen Anblick und lacht sich schlapp. An der Badinnentür hängt unser Wäschebeutel. Dieser ist die meiste Zeit ebenso kugelrund gefüllt, wie ich. Möchte ich nun in das Bad hinein, dann drängeln sich Wäscheballon und Melliballon auf gleicher Höhe durch den schmalen Durchgang. Ich bleibe also klemmen. Da ich ja talentiert darin bin, meinen Zustand zu verdrängen, denke ich meist nicht daran, den Beutel zuvor von der Tür zu nehmen und schaffe es jedes Mal aufs Neue überrascht zu sein, dass wir beide – Beutel und ich – dort nicht durch passen.

Das alles mag beschwerlich klingen, ist es manchmal auch, aber die meiste Zeit ist es einfach nur lustig . Und trotz alledem, liebe ich unser kleines, murkeliges Bad! Das Duschen darin bereitet mir größte Freude, denn ich wertschätze jedes Tröpfchen des angenehmen warmen Wassers, was gerade auf Reisen nicht selbstverständlich ist. Ich erinnere mich an Wallos Fluchen und Jubeln, beim Ausbau und wie er täglich schuftend, diesen Luxus für uns möglich gemacht hat. Die Enge stört mich nicht,  denn sie zeigt mir, dass ich in einem Bus lebe und wahrlich meinen Traum verwirkliche. Ich liebe es, mit dem Gesicht halb am Fenster zu kleben und dabei in eine immer neue, wundervolle Landschaft zu blicken. Ich liebe die Einfachheit und Schönheit unseres Badezimmers und seine Nachhaltigkeit. Und was ich jetzt mehr denn je schätze, ist die Tatsache, dass  ich jederzeit auf die Toilette gehen kann, egal, ob wir fahren oder stehen.

Eine weitere Einschränkung beim „schwanger reisen“ besteht für mich darin, in mein Bett zu kommen. Unser Bett beginnt knapp 120cm über dem Boden und ich schaffe es allein nicht mehr hinauf. Nachdem ich ein Bein auf die Matratze gewuchtet habe, sowie eine Hand am Abstützen ist, sucht die andere in der Luft wedelnd nach etwas zum hochziehen. Vergebens, denn da ist nichts. Wenn Wallo oben auf mich wartet, bietet er mir gnädig schmunzelnd seine Hand an. Ist er jedoch noch unten und ich möchte hoch, ist es durchaus ein wenig demütigend, wenn er mich so von unten laut lachend hoch schiebt. Er liebt mich trotzdem, sage ich mir dann, egal wie das von unten aussehen muss. Er liebt mich. So.  Teamwork macht es möglich und somit ist auch unser erhöhtes Bett kein Problem mit dickem Bäuchlein.

Sollte ich dann doch einmal wieder in die Versuchung kommen, meine Schwangerschaft und die damit verbundene Rundheit meiner Person durch die Gegend tänzelnd zu vergessen, dann habe ich ja immer noch meine Alva, die es täglich schafft, mich auf äußerst charmante Art und Weise an meinen Zustand zu erinnern. „Mama ist ein dicker Klops!“, sagte sie neulich zu mir (und seit dem täglich mindestens einmal, Tendenz steigend), „Mama, du bist so weich wie ein Brötchen“, „Mama, hast du eine große Bruuust!“. Wallo gefällt es besonders, wenn Alva uns beide ins Verhältnis setzt. Sätze wie „Papa du bist schön, Mama du bist kuschelig“, gehen bei ihm runter wie Öl, während ich noch darüber nachgrübele, ob das ein Kompliment sein soll.

Was für Alva sicher besonders schön ist, ist dass sie die ganze Zeit dabei sein kann und das Wachsen des Babybauches genauso live mit erlebt, wie die ersten Tritte und Stöße ihres Brüderchens. Das Wachsen meines Babybauches ist auch ihr „Projekt“. Sie ist involviert und mit einbezogen. Das ist unserer Meinung viel Wert.

Unser Motto: Gemeinsam machen

Apropros unser Alvachen. Es ist natürlich eine Herausforderung den ganzen Tag zusammen zu sein. Denn neben den körperlichen Veränderungen, sind auch meine Launen nicht immer stabil. Es gab schon 1-2 Tage (und tatsächlich nicht mehr), da dachte ich, es wäre für uns beide besser gewesen, uns heute eine Weile nicht zu sehen. Besonders, als es mir die letzten Tag so schlecht ging und Alva beschloss zur kleinen Diva zu mutieren. Sie zickte und trotze was das Zeug hält. Ihr Mauzen wurde in meinem hämmernden Kopf zu einem Schrillen und ich hatte keinerlei Kraft und Nerven, ihre kleinen Ausbrüche zu ignorieren und patzte gehörig zurück. Am Ende weiß ich nicht genau, wer von uns das auslösende Moment war, sie oder ich. Wir fanden es wohl beide nicht in Ordnung, dass ich so abgekämpft war. Das ist auch ok so. Wir haben uns wieder vertragen und wie gesagt, ich war trotzdem dankbar, dass die Beiden um mich waren.

Gemeinsam schwanger auf Reisen zu sein hat auch den ungeheuren Pluspunkt, dass Wallo immer bei mir ist. Ich bin nie allein. Weder in der Betreuung mit Alva, noch beim Einkaufen, Planen und Bewältigen von Aufgaben. Wenn ich mich nicht gut fühle, dann springt er ein, hilft und entlastet  mich, wo er nur kann. Er ist immer da, erträgt alle meine Launen mit beneidenswerter Ruhe und ist mir somit nicht nur beim Zubettgehen eine große Stütze. Dieser ungeheure Luxus würde mir ohne diese Reise sehr fehlen. Ich nehme gerne mal ein mauzendes Alvachen in Kauf. Und was unsere Bad- und Schlafsituation angeht, so sorgen diese stets für Lacher. Und jeder Grund zu Lachen ist Gold wert.

Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber ich kann keine negative Seite am schwanger reisen finden. Schlechte Tage gibt es auch zu Hause und dort sind sie auch nicht angenehmer wegzustecken, als hier. Wir haben den Luxus, in unserem Zuhause zu reisen. Der geringere Komfort ist dabei nicht nachteilig, eher eine Erheiterung. Sich zu besinnen und sich auf sich und das Baby zu konzentrieren, ist wichtig und fällt mir manches Mal schwer. Aber meine Liebsten und nicht zuletzt mein Körper selbst erinnern mich daran.

Mein Rat also an all die unsicheren werdenden Mamis dort draußen: Wenn ihr euch gut fühlt, dann los! Nutzt die Zeit! Macht es euch schön! Wenn das Reisen euer Ding ist, dann lasst es euch nicht ausreden. Gerade das Reisen im Camper bietet sich wunderbar an, die Schwangerschaft zu genießen, denn wo würde das besser gehen, als in der Natur! Vertraut auf euch und das Leben.

Eure Murmel-Melli

 

2 Kommentare

  1. Doris Kunkel

    Super stark was Ihr macht!
    P.S. Blutdruck messen bei starken Kopfschmerzen in der Schwangerschaft!!
    Viel Glück und alles Gute von Doris Kunkel
    (Krankenschwester+4-fach Mutter)

    Antworten
  2. melli@mellowmagic

    Liebe Doris,

    vielen Dank für deine Nachricht!! Gott sei dank sind die Kopfschmerzen wieder weg, dafür macht die Symphyse Probleme. Naja, so ist das, die Schwangerschaft ist halt kein Zuckerschlecken 🙂 Wir wünschen dir und deiner Familie ebenfalls alles Gute und senden liebste Grüße aus Portugal!

    Antworten

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