07.02.2020

Schwanger reisen im Campervan

Du kennst diese Fieberkrankheit,
die uns im kalten Elend ergreift,
dieses Heimweh nach einem Land, das man nicht kennt,
und die qualvolle Sehnsucht nach Neuem!

Charles Baudelaire

 

Eigentlich stand die Entscheidung zu dieser Reise schon fest, bevor wir sie getroffen hatten. Wir wollten  es einfach nur nicht sehen. Oder trauten uns zumindest nicht hinzusehen, bis die Umstände in unserem Leben uns schicksalsgleich in diese eine Richtung schubsten.

Unser Innerstes bewegte sich schon seit Jahren in Richtung Aufbruch, nur haben wir versucht es zu ignorieren, haben nicht auf die innere Stimme gehört, stattdessen verzweifelt versucht, uns in der Welt zwischen Arbeit und Wochenende einzuleben. Haben uns erzählt, wie wohl wir uns fühlten, was für ein Glück wir hätten. Das haben wir auch. Wir haben eine wundervolle Familie, die uns in allem unterstützt, großartige Freunde  und wir gehen beide in unseren Jobs auf. Er als Malermeister und Handwerker. Ich als Lehrerin und Geographin.

Und doch ist da dieses dumpfe, allgegenwärtige Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Das Wissen darum, dass es auch anders gehen muss. Diese Sehnsucht nach etwas, das sich schwer in Worte fassen lässt. Ein berauschender, intensiver und unterschwelliger Drang nach Abenteuer, Freiheit, Flucht und Aufbruch. Alles hinter sich lassen. Stattdessen Zeit haben für sich, die Familie und die Welt.

Eine Weltreise ist nicht nur eine Reise. Es ist eine Lebenseinstellung. Schon immer reisten wir viel und gerne, am liebsten mit dem Rucksack, trampten, schliefen unter freiem Himmel. Ganz bei sich sein, nur man selbst. Dabei keine Rollenmuster bedienen, keine Spielchen.  Tief einatmen, spüren, fühlen, leben. Reisen, das Eintauchen in fremde Welten – ein Gefühl, als ob die Zeit stehen bleiben würde. Die absolute Freiheit.  Wir versuchten, dieses Gefühl zu konservieren, es wie einen Schatz bei uns zu behalten, den wir öffnen würden, wenn der Alltag uns zu verschlingen droht. Doch es klappte nicht. Es klappte einfach nie. Spätestens zwei Wochen nach der Rückkehr war das Gefühl bereits verloren. Die verzweifelte Trauer um diesen Verlust, ein Gefühl, dass wohl nur Reisende kennen.

Der Stress hatte uns wieder gepackt. Meist war es vor allem der psychische Stress, der das Atmen erschwerte, Rechnungen, Deadlines, Vorbereitungen, vergessene Anrufe. Menschen und Dinge, die wir liebten wurden ebenfalls in die Kategorie „Abarbeiten“  gestopft. Den Onkel wolltest du anrufen, die Freundin wartet auf Rückruf, ach und bei XY hast du dich auch schon ewig nicht gemeldet. Spontane Treffen waren meist Fehlanzeige, stattdessen die Verhandlung um einen geeigneten Termin. Termine! Termine für das Treffen mit Freunden und Familie. Ohne unseren synchronisierten Google Kalender ging nichts mehr. Immerzu wurde das Handy gezückt. Ja, hier hätte ich noch eine halbe Stunde Zeit für einen gemeinsamen Kaffee. Wurde darauf mit Empörung reagiert, hätte ich in Tränen ausbrechen können. Diese halbe Stunde war doch schließlich so schwer erkämpft! Als ob ich es nicht lieber anders gehabt hätte.

Vor gut drei Jahren Jahren wurde unsere Tochter Alva geboren. Ein Unfall, oder besser einer der genannten Schübe des Schicksals. Das passte scheinbar doch gar nicht in unseren eh schon schwer chaotischen Alltag. Wo wir doch schon kaum Zeit für uns hatten, wie sollte das dann erst werden?

Es sollte besser werden.  Die Zeit wurde noch knapper, als sie eh schon war. Jedoch auch kostbarer. Unsere Prioritäten verlagerten sich. Wir verschwendeten freie Zeit nicht mehr mit Sinnlosigkeiten, sondern konzentrierten uns auf uns.

 

Was möchten wir wirklich?

Und mit dieser Frage fing irgendwie alles an.

Wir stellten sie uns bei dem Italiener um die Ecke. Wir setzten uns bewusst zusammen, jeder von uns mit Stift und Blatt bewaffnet. Das Blatt mit den essentiellen Fragen „Was gefällt dir an deinem Leben?“, Was macht dich glücklich?“,“Was macht dich unglücklich?“,“ Was wünschst du dir?“ und „Was hält dich davon ab?“, trugen wir jeder für sich eine Woche mit uns spazieren, um an dem besagten Abend im Restaurant eine Antwort auf diese Fragen zu haben.

Sich ganz bewusst mit sich selbst auseinandersetzen, sich mit seinem Wesen, Sehnsüchten, Wünschen und Zielen befassen, losgelöst von den Hindernissen des Alltags, um dann gemeinsam zu überlegen, was es für Lösungen gibt, das war das Beste, was wir machen konnten.

Dieser Abend hat viel für uns verändert. Erstaunlich war, dass wir mit nahezu deckungsgleichen Antworten aufwarteten. Im Trubel des Alltags und gestresster Reaktionen aufeinander befürchteten wir zuweilen, uns auseinander zu leben.  Was für eine befreiende Erkenntnis festzustellen, dass wir uns so nahe waren und immer gewesen sind.

Am sehnlichsten wünschten wir uns Zeit. Zeit für uns, Zeit für unsere Tochter, Zeit bewusst zu atmen, Zeit diesen wundervollen Planeten zu entdecken und die Natur zu spüren. Zeit um bewusst zu leben!

Wir lebten kein schlechtes Leben, aber es war nicht das Leben, welches wir die nächsten 30 Jahre leben wollten. Es war auch nicht das Leben, welches wir uns für unsere Tochter wünschten. Wir möchten ihr so viel mehr zeigen, ihren Horizont erweitern, ihr beibringen, auf sich selbst zu hören, an sich selbst zu glauben, zu spüren, zu horchen, zu hinterfragen. Wir wollten uns Zeit für sie nehmen können, ohne ständig auf die Uhr zu sehen, ihr zeigen, dass Menschen woanders anders leben. Dass Werte verschieden gelebt werden können, Andersartigkeit eine Bereicherung ist und das Fremde nicht zu fürchten. Wir wollten uns auf die Suche nach Positivem begeben, Lösungen für uns und unsere kleine Welt finden, mit Menschen sprechen, unseren Horizont erweitern, Gedanken fliegen lassen.

Das Schicksal meinte es erneut gut mit uns und schubste uns einen weiteren Schritt weiter. Ich stellte fest, trotz der Spirale erneut schwanger zu sein. Wieder eine Überraschung und wieder zunächst ein Schock. Es brauchte etwas Zeit, doch dann fiel es uns wie Schuppen von den Augen.

Das ist unsere Gelegenheit, unser Moment. Zeit, die Zelte abzubrechen und diese Chance zu nutzen, auf längere Zeit auf Reisen zu gehen, unabhängig und frei, nur wir als Familie. Ein neuer Lebensabschnitt sollte beginnen.

 

Klingt fast wie ein endloser Urlaub?

Nein, das wird es sicher nicht werden. Wir möchten die Zeit sinnvoll nutzen, unsere Lebensweise im Allgemeinen hinterfragen und neu aufziehen. Wir möchten einen Beitrag leisten und dabei ein reduziertes, ressourcenschonendes und möglichst nachhaltiges Leben führen. Herausforderungen und Anstrengungen werden unsere täglichen Begleiter sein, unser alter Mercedes Oldtimer, ein immerwährendes Projekt. Das Leben auf 10m² bietet kaum Privatsphäre und Luxus. Konflikte sind vorbestimmt, sowie das intensive Auseinandersetzen mit sich und seinem Partner und Kindern. Es ist ein Selbstversuch. Wir möchten herausfinden, was uns wirklich glücklich macht und wie viel wir dafür brauchen. Ein einfaches Leben.

Haben wir Bedenken? Definitiv!

Der richtige Weg ist der, wo die Angst ist

Werden wir reich davon? Definitiv!

Reich an Erfahrungen, Erinnerungen und Zeit, was mit Geld nicht aufzuwiegen sind. Wir werden neue Seiten an unserem Partner und uns selbst kennen lernen dürfen, werden unsere Tochter Alva intensiv für diese Zeit beim Heranwachsen begleiten dürfen, wir werden die Geburt unseres zweiten Kindes gemeinsam erleben dürfen, auf ganz andere, neue Weise. Wir werden Menschen treffen, die uns zu neuen Gedanken anregen und unsere Weichen neu stellen, wir werden von ihnen lernen dürfen und andere von uns, wir werden die Natur erleben und spüren, und das direkt vor unserer „Haustür“!