Wie „Vanlife“ unsere Familie prägt – Teil 1

12/01/2020 | Familienwelten, Frankreich | 0 Kommentare

Du kannst deinen Kindern deine Liebe geben,

nicht aber deine Gedanken.

Sie haben ihre eigenen.

Khalil Gibran

 

Wir sind gerade einmal  knapp 14 Tage unterwegs und schon haben wir das Bedürfnis, euch von der Entwicklung unserer dreijährigen Tochter zu berichten.

Die Sorge vor dem Unbekannten

 

Als wir uns dafür entschieden haben, alles aufzugeben, um in einen 10m² großen Camper zu ziehen, haben wir nicht nur anerkennende Blicke geerntet. Wir wurden auch mit vielen Vorbehalten und Zweifeln konfrontiert. Familie, Freunde und Bekannte sorgten sich, ob es das richtige Leben für ein Kleinkind sei. Die ganze Zeit mit uns zusammen, im Winter im Camper, ohne Platz zum Toben, ohne andere Kinder. Was ist, wenn etwas mit dem Bus passiert? Was ist, wenn sie oder wir krank werden? Was, wenn sie ihre Freunde vermisst, ihr Zuhause, eine Wohnung, die Familie…? Ich könnte die Liste endlos fortsetzen.

Dabei möchte ich nicht negativ klingen, denn selbstverständlich hatten auch wir Sorge, dass sie diese neuen Umstände nicht so gut wegsteckt, wie wir es uns erhofften. Wir wollten sie nur nicht laut aussprechen.

Die ersten Veränderungen

Nun, nach 14 Tagen “on the road“ möchten wir einen kleinen Zwischenstand durchgeben.

Alva erstaunt uns jeden Tag aufs Neue. Noch nicht ein Mal hat sie an dem Leben im Camper gemurrt, noch nicht ein Mal gesagt, dass sie ihr „Zuhause“ vermisse und selbst bei langen Autofahrten strahlt sie uns von der hinteren Bank entgegen, während sie selbständig spielt, isst, malt – ohne nach Mami zu rufen.

Am Tisch sitzt sie mit uns zusammen und fachsimpelt wie eine Große über die Erlebnisse und Belange des Tages, schmiedet Pläne für die Woche und geht ohne Murren, beinahe selbständig ins Bett.

In Situationen, in denen sie früher gemault hätte oder weinend, hilflos oder trotzig an Mamis Bein gehangen hätte, nimmt sie nun die Dinge selbst in die Hand. Plötzlich schmiert sie sich die Brote allein, hilft ohne Aufforderung  mit beim Abräumen und Fegen, achtet von selbst darauf, sich vor dem Essen die Hände zu waschen, ermahnt uns, nicht mit vollem Mund zu sprechen, weiß, wo sie ihre Sachen liegen gelassen hat und holt sich diese alleine zurück, zieht sich komplett alleine an und räumt selbständig ihre Kleidung in und aus ihren Kleiderschrank.  Dabei ist es ihr sehr wichtig, dass dies IHR Kleiderschrank ist. Wie eine Große wirbelt sie um uns herum, macht und tut und legt mit Hand an. Und wir lassen sie wirbeln, denn wir könnten es selbst nicht besser machen.

Wir wissen nicht, was genau diese Veränderung ausgelöst hat, nur, dass es in unserem „alten Leben“ nicht so war.

Sie erzählt viel vom Kindergarten und von ihren Kindergartenfreunden, sagt aber auch, dass sie dort jetzt nicht gerne wäre. Auf unsere Frage hin, ob sie Zuhause vermisse, schaut sie uns nur irritiert an und sagt, dass doch Bob unser Zuhause sei.

Auf fremde Kinder, die wir unterwegs treffen geht sie viel offener zu, als früher. Sie spielt mit ihnen und verabschiedet sich von ihnen, ohne die anfängliche Schüchternheit und ohne ein gebrochenes Herz beim Abschied.

Wir fragen uns, was diese rasante Veränderung in ihrem Verhalten in unserer Gegenwart ausgelöst hat. Ist es, weil wir nicht mehr arbeiten? Wobei  ich an dieser Stelle erwähnen muss, dass sich unser Leben alles andere als nach Urlaub anfühlt. Wallo und ich haben rund um die Uhr zu tun, vieles funktioniert noch nicht so, wie geplant und angekommen sind wir auch noch nicht. Essen machen, einkaufen gehen, sauber machen, Reparaturen am Bus, Autofahrten, Technik, die nicht funktioniert – all das bestimmt aktuell unseren Alltag. Erlebnisse, Touren, Abenteuer gehören noch der Seltenheit an.

Aber irgendetwas an diesem Leben muss ihr schon jetzt gut tun.

Die Antwort auf die Frage, was sie nun hat und ihr in ihrem alten Alltag gefehlt haben könnte, ist vermutlich das wohl Einfachste und Selbstverständlichste:  Wir, ihre Eltern. Wir sind nun jeden Tag mit ihr zusammen, auf engstem Raum. Sie weiß fast immer was wir denken, was wir vorhaben, was wir reden. Nichts läuft mehr hinter ihrem Rücken ab, sie bekommt alles mit. Sie ist nicht mehr extern, sondern intern.

Nachts hört sie unseren Atem und morgens sind wir sofort zugegen. Sie braucht keine Angst mehr zu haben, wir könnten weggehen ohne sie, oder uns – warum auch immer –von ihr verabschieden.

Dabei haben wir zuvor ein ganz normales Leben geführt. Wir gingen beide arbeiten und sie ging für rund 8 Stunden in den Kindergarten, den sie sehr liebt. Die Wochenenden und Nachmittage gehörten größtenteils ihr, wenn sie nicht gerade Oma und Opa besuchte. Wir haben alles gegeben, um möglichst jede freie Minute mit ihr aktiv zu verbringen. Spielend, Tobend, am Spielplatz oder  vorlesend. Sie hatte uns nicht wenig, aber vermutlich doch nicht genug.

Könnte es sein, dass unser westlicher, normaler Alltag für Kinder in Alvas Alter zwar sicher nicht schlecht ist, aber doch nicht gut genug? Könnte es sein, dass das tägliche Weinen beim Abschied im Kindergarten oder das extreme Bocken beim Abholen durch Mama und Papa doch nicht „normal“ sind? Dass ihre häufige Unselbständigkeit, ein Zeichen für uns war?

In Alvas Fall können wir nur bestätigen, dass sich etwas in ihr verändert haben muss. Sie ist viel selbstbewusster, mutiger, selbständiger, reifer und achtsamer geworden. Und das in gerade ma zwei Wochen! Sicherlich konnte sie sich auch vor der Reise schon alleine anziehen, doch hat sie es uns nicht gezeigt.

Wir haben das Gefühl, dass sie sich nun als gleichberechtigtes Mitglied dieser Familie und Unternehmung fühlt.

Kein Wunder, nun sind wir Drei ja auch die ganze Zeit zusammen. Dabei kommen wir nicht umhin uns zu fragen, ob wir es sind, die sie anders behandeln, oder sie es ist, die sich anders uns gegenüber gibt. Vermutlich ist es beides, denn auch wir stellen Veränderungen an uns fest.

So gehen wir beispielsweise viel gelassener mit bestimmten Situationen um.

Haben wir früher noch ankommenden Besuch hektisch gestikulierend an der Eingangstür abgefangen und signalisiert, dass er doch bitte leise reinkommen soll, am besten gleich bis ins Wohnzimmer durchgehend, ohne sich zuvor auszuziehen, denn schließlich schlafe das Kind hinter der Tür. Nun stehen wir 10cm neben ihrem Bett und hantieren in der Küche herum oder sitzen 2 Meter weiter am Tisch, hören Musik, quatschen oder spielen Spiele.

Wir machen uns nicht mal mehr Gedanken darüber, ob wir zu laut sein könnten und siehe da: Alva schläft ganz allein ein, innerhalb von 5 Minuten.

Haben wir es nicht immer schon gewusst, dass es Kinder beruhigt, die Geräusche ihrer Eltern zu hören? Ist es nicht logisch, dass abgeschottet in einem anderen Raum in der Dunkelheit liegend, für Kinder unheimlich und eigentlich nicht natürlich ist? Kein Tier würde sein Junges unbeaufsichtigt lassen.  Und dennoch machen wir Menschen es so. Zumindest der Durchschnitt der Menschen unserer Gesellschaft. Während wir auf dem Dachboden bei Freunden lebten, lagen wir alle nebeneinander auf Matratzen auf dem Boden. Wallo und ich müssen zugeben, dass es uns zutiefst erfreut hat, unser Töchterchen vor dem Schlafengehen anzusehen. Wir hatten teils den größten Spaß, sie zu betrachten, zu küssen und dabei ihresich verändernde Mimik zu beobachten. Es hat uns beruhigt, es hat sich „richtig“ angefühlt. Wir hätten nie erfahren, dass Alva im Schlaf ihr Gesicht zu einem Lächeln verzieht, wenn wir sie zärtlich auf die Wange küssen, doch das macht sie. Und wir sind verzaubert. Das Gefühl jede Nacht neben seinem Kind einzuschlafen und morgens neben ihm wach zu werden kannten wir so noch nicht, denn in unserer Wohnung hatte Alva IHR Bett in IHREM Zimmer, allein.

Hier in unseren 10m² teilen wir uns im Grunde ein Zimmer. In diesem „Zimmer“ hat jeder seine Ecke. Sie kann sich zurückziehen, ohne von uns abgeschottet zu sein. Dafür zieht sie den Vorhang an ihrem Bett zu und ist in ihrer Welt. Wir müssen wir uns nicht umgewöhnen, wir machen es jetzt einfach anders. Weil es auch gar nicht anders geht und wir lieben es ebenso, wie sie. Mehr noch, wir stellen fest, dass es kein anderes Zimmer bedarf, um Privatsphäre zu bekommen. Alva zieht sich freiwillig zurück.

Seit unserer Abreise werden wir täglich aufs Neue von  unserer Tochter überrascht.

Wir sind sehr gespannt, wie es weiter geht, wir sind gespannt darauf, womit sie  uns morgene erstaunen wird.

Unsere Sorgen, diese Reise währe egoistisch von uns und könnte ihr nicht gut tun, sind nicht gerechtfertigt und erleichtert legen wir sie ab.

Wir sind tollkühn und sagen schon jetzt ganz klar: Geht raus! Reist mit euren Kindern! Macht euch nicht so viele Gedanken, sie wachsen an den Umständen von ganz allein. Sie werden euch überraschen, mit ganz neuen Seiten! Sie werden euch – noch mehr als sonst – neue Seiten an euch selbst zeigen. Probiert es aus und lasst uns an euren Erfahrungen teilhaben! Gerne unten in den Kommentaren. Wir sind gespannt, wie ihr das seht!

 

Eure Melli, Wallo & Alva 

 

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Die Reisenden


Schön, dass du zu uns gefunden hast! Wir sind Melli und Wallo und reisen mit unseren bald  zwei Kindern durch die Welt. Dabei leben wir  Vollzeit in unserem selbst ausgebauten Mercedes Oldtimer. Komm mit uns auf diese virtuelle Reise und lasst uns gemeinsam in fremde Welten eintauchen. Neben unseren persönlichen Eindrücken und Begegnungen, findest du auf unserem Blog allerhand Informationen zu Reisezielen, Reisevorbereitung, Ausbau, Finanzierung und zum Vanlife als Familie.

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