Die Dune du Pilat – Europas wandernde Wüste

12/01/2020 | Familienwelten, Frankreich, Reisetipps | 1 Kommentar

 Spüre den Boden unter deinen Füßen

und öffne deinen Blick

für die Wunder der Welt. 

Sabine Fels

Die Dune du Pilat im Südwesten Frankreichs direkt an der Atlantikküste soll  atemberaubend sein. Sie ist mit 110 Metern Höhe die größte Wanderdüne Europas. Und heute haben wir uns vorgenommen sie zu besteigen! Nicht nur das, wir möchten sie im Sturm erobern, von ihrem Kamm hinab ins Meer sehen, auf ihr herumtollen, hopsen, jagen und uns in den weichen Sand fallen lassen, hinunterrollen und wieder hinaufsprinten.

Easy, kein Problem.  Alva packt das. Mein dicker Bauch und ich? Packen das auch! Es sind ja nur 110 Meter bis hoch auf ihren Kamm. Aber ich greife vorweg.

Gut Ding will Weile haben

Tatsächlich stellt sich schon die Hinreise als beschwerlich heraus. Übermütig „packen“ wir am Parkplatz, 7km von der Düne entfernt, unsere Fahrräder aus. Heißt im Klartext: Zuerst versuchen wir die festklemmenden Räder vom Fahrradträger zu hieven, anschließend vom Dach den Kindersitz zu befreien, dann die platten Reifen aufzupumpen: Erst die eine Luftpumpe – Mist, geht nicht. Also nochmal aufs Dach klettern, Leiter herauskramen, die nächste Pumpe –  puh, diese geht. Alles zusammenräumen, startklar? Ne. Verdammt. Fahrradhelm auf dem Dach vergessen. Nochmal die Teleskopleiter aus der Heckgarage rauswühlen, wieder aufs Dach… naja und so weiter und so weiter. Zwei Stunden später, pünktlich zur Mittagszeit, sind wir fertig. Fertig auch mit den Nerven.

Es fällt uns noch immer häufig schwer zu akzeptieren, das alles – egal was – mit einem Kleinkind doppelt so viel Zeit beansprucht (gefühlt fünf Mal so viel). Noch immer nehmen wir uns zu viel für den Tag vor und kommen am Ende in frustrierenden Stress. Das Problem dabei ist natürlich nicht unser Kind, sondern wir sind es, die einfach zu viel wollen, in zu wenig Zeit. Und das obwohl uns doch gerade nichts hetzten sollte, nicht wahr?

Die verlassene Pracht

Als wir endlich losrollen bezaubert uns das Örtchen Arcachon mit seiner malerischen Schönheit. Geschmeidig winden sich die mit Pinien und Zypressen bewachsenen Hügel die Küste entlang. Ab und zu blitzen Palmen hervor. Die Häuser passen sich dabei perfekt den geschwungenen Hügel und Straßen an, jedes mit seiner eigenen prachtvollen Architektur, ohne dabei protzig zu wirken. Alles wirkt organisch, gewunden, keine Straße scheint geradlinig zu verlaufen. In den Gärten wachsen üppige Büsche und riesige Pinienbäume. Aus jeder Ecke zwitschert und trällert es. Die Luft ist feucht und duftet verheißungsvoll nach Meereswasser.

Einzig der Fakt, dass die Häuser zu 95% leer stehen, gibt der Szenerie einen bizarren Charakter. Dieser hübsche Flecken Erde, wirkt wie eine Geisterstadt. Die Läden sind geschlossen, die Häuser verlassen, die Straßen leergefegt und Passanten sucht man vergebens. Ein seltsames Gefühl so durch die Straßen zu radeln. Als handelte es sich um eine Kulisse.

Womit ich wieder beim Thema wäre. So malerisch das Örtchen mit seinen Hügeln auch ist, so beschwerlich gestaltet es sich für mich, diese mit dem Fahrrad zu erstrampeln. Hartnäckig gebe ich mein Bestes und hechel mich im Tempo 1 und im ersten Gang die Hügel hinauf, nur um auf halber Strecke, kurz vorm Rückwärtsrollen, doch noch rasch abzuspringen, um zu schieben. Alva thront derweil hinten in ihrem Kindersitz und mault mich missmutig an, warum ich denn so langsam sei, schneller wäre es doch schließlichviel lustiger. Finde ich auch, und schiebe verbissen weiter.

Die Wüste am Meer

Dann, endlich, erreichen wir die Dune du Pilat. So befremdlich das leere Örtchen gerade noch gewesen ist, so herrlich fühlt sich das Fehlen der Menschen auf der Düne an. Wir haben den Luxus, die Düne beinahe ganz für uns allein erleben zu dürfen. Es ist Januar, die glücklichen Anwohner residieren woanders und auch die Touristen knipsen anderswo.

Und es kommt noch besser:  Während wir uns den gewaltigen Sandhügel hinaufschieben, schiebt die Sonne die Wolken von sich und strahlt uns an.

Ich stöhne und hechel die Düne hinauf und fange an, unter meinen Schichten aus Wolle zu schwitzen.

Der Weg nach oben ist extrem beschwerlich, denn es geht immerhin im 45-Grad-Winkel  hinauf. Dabei ist Sand ein gemeines Treterlein, denn schafft man es zwei Schritte hinauf, rutscht man anschließend ein Schritt zurück.  Unter anderen Umständen hätte ich das irre komisch gefunden und mich der Herausforderung „großer, rutschender Sandberg“ mit Anlauf gestellt. Mit dem Babybauch und dem kleinen Racker in mir, der meine Lunge gefühlt auf die Größe einer Weintraube gepresst hat, ist der Aufstieg kein leichtes Unterfangen. Zu meiner Befriedigung schnauft sich auch Wallo die Düne hinauf.  Und Alva kämpft mit! Wir sind mächtig stolz auf sie! Wenn auch murrend, so schafft sie es immerhin ganze 80 Meter weit allein zu gehen, dann wird sie von Wallo erlöst und er nimmt sie für den restlichen Aufstieg auf seine Schultern.

Dann haben wir es geschafft. Wir lassen uns in den Sand fallen und blicken um uns. Es fühlt sich an, als wären wir in der Wüste. Wir sind sprachlos.  Der Sand und sein durch den Wind erschaffenes Relief erstrahlen im Spiel der Sonne in unterschiedlichsten Tönen, von Weiß, über Gelb, Ocker, Braun bis in Rötliche. Die gewaltige Düne trifft an der einen Seite auf das Meer, während sich auf der anderen Seite Kilometer lang Pinienwälder erstrecken.

Wir werfen die Klamotten von uns und sitzen eine ganze Weile einfach nur da und staunen, so beeindruckend ist die Landschaft. Der Sand schluckt alle Geräusche und es ist sagenhaft still.

Dann erwacht das Kind in uns zum Leben und wir tollen mit Alva im Sand herum, bauen eine Sandburg und zerstören sie wieder, rennen kleinere Kämme hinauf, um sie anschließend wieder hinunterzurollen und bestaunen die bizarren Sandformationen die der Wind geschaffen hat.

Wir wandern den Kamm entlang und blicken in die Tiefe. Irgendwann begegnen wir anderen Menschen. Die Zeit vergeht wie im Fluge und mittlerweile ist es schon später Nachmittag geworden. Widerwillig beschließen wir, uns auf den Rückweg zu machen.

Der Weg hinab macht mehr Spaß und wir rennen und schlittern den steilen Hang herunter. Alva in unserer Mitte jauchzt und quiekt vergnügt vor sich hin. Wir alle Drei haben einen riesen Spaß und fühlen uns frei, leicht und übermütig.

Unten angekommen erwartet uns schon der wilde Atlantik. Je näher wir kommen, desto intensiver wird der Geruch nach Salz, Tang und Ferne. Das Brechen der Wellen wird immer lauter, die Luft immer wärmer. Wir ziehen die Stiefel und Socken aus und lassen unsere Füße vom kalten Meeresschaum umfließen.

Tiefes Blau und weißer Schaum

Das krachende Geräusch der Wellen macht etwas mit mir. Ich möchte gleichermaßen weinen und lachen, jubeln und andächtig schweigen. Die Wellen wühlen mich im wahrsten Sinne des Wortes auf.

Sie graben sich – wie für Wasser typisch – in mich hinein, weichen meine verhärteten Fronten auf. Schritt für Schritt weichen sie meine Ängste, Sorgen und Anspannungen der letzten Monate auf und räumen mich frei.

Ich spüre, wie ich mich im krachenden Rhythmus der Brandung langsam entspanne. Es wird noch viele Tage brechender Wellen brauchen, bis ich wieder ganz befreit und bei mir angekommen sein werde. Zu viele Sorgen, Ängste und Hoffnungen habe ich in mich hineingefressen und  lade immer noch nach. Mein ganzes Herz steckt in diesem Projekt, in dieser Reise, in diesem Lebenstraum. Die Angst zu scheitern, nimmt mir oft die Luft. Aber hier und jetzt merke ich, dass alles gut gehen kann.

Während ich von meinen Emotionen schier überwältigt bin, tanzt Alva hinter mir barfuß durch den Sand. Nach dem vielen Autofahren der letzten Tage, genießt sie sichtlich den Sand und das Meer, das Toben, Rennen und Kraxeln. Die Bewegung tut ihr ebenso gut wie uns und ihr von der frischen Luft gerötetes Gesicht strahlt mich selig an.

Abends, zurück im Camper, verabschiedet sich Alva sogar freiwillig vom Abendbrottisch, um ins Bett zu gehen. Sie sei sehr geschafft von dem schönen Tag und der vielen frischen Luft, sagt sie und gibt uns jeweils einen Kuss und eine innige Umarmung. Wir können nur Staunen.

Dieser Tag hat uns allen gut getan und eine angenehme Erschöpfung breitet sich in uns aus.

Wir sind glücklich.

 

 

1 Kommentar

  1. Sabine

    Melli wunderbar geschrieben. Man kann gar nicht aufhören zu lesen. Sand, so sehr auch ich ihn liebe, kann wirklich sehr sehr beschwerlich sein. Dazu braucht es noch nicht mal eine Steigung 😂!!! Und eine Schwangerschaft übrigens auch nicht…

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  1. Mit dem Camper durch Frankreich - Mellow Magic - […] Städtchen Arcachon präsentierte sich uns geradezu als Geisterstadt. Als Gegenleistung bekamen wir die Strände für […]

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